Wer hier geboren wird, soll Deutscher sein

Interview mit Tuna Firat, neuer Vorsitzender des Kreisausländerbeirats, indem auch unsere Kritik am Ausländerbeirat zur Sprache kommt.

Frankfurter Rundschau, 07.01.2010

Wer hier geboren wird, soll Deutscher sein

Herr Firat, wie lange gibt es die AG Wohlfahrt noch?
Ich hoffe, nicht lang. Sie ist rechtlich höchst fragwürdig. Wir versuchen als Ausländerbeirat, in die Verwaltungsprozesse einzugreifen und Einfluss zu nehmen. Wir können der Polizei und den Ordnungsbehörden aber nicht permanent auf die Finger schauen.

Hoffen Sie, dass der Nachfolger von Landrat Peter Walter, Oliver Quilling, die Arbeit der Ermittlungsgruppe einstellt?
Ja. Die Arbeit, die Herr Quilling als Bürgermeister von Neu-Isenburg integrationsspezifisch geleistet hat, lässt sich sehen. Man kann schon verlangen, dass er Akzente setzt, indem er die Arbeit der AG, die über die Landesgrenzen hinaus negativ bekannt ist, eindämmt.

Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Ausländerbehörde gegen die Dietzenbacher Familie Khateeb?
Ich halte es für menschlich nicht vertretbar. Die Kinder, die abgeschoben werden sollen, sind hier geboren wie ich. Sie sprechen wahrscheinlich weniger Arabisch als ich Türkisch. Wer in Deutschland geboren wird, sollte automatisch Deutscher sein. Das wäre ein Fortschritt. Mit derartigen Abschiebungen setzt man in einer auch aus Zuwanderern bestehenden Gesellschaft falsche Signale.

Die Antifa-Gruppe Kreis Offenbach hat Ihrem Vorgänger, Corrado Di Benedetto, vorgeworfen, sich nicht entschiedener gegen die AG Wohlfahrt einzusetzen.
Ich kann das nur zurückweisen. Die Gruppe versucht, uns schlecht dastehenzulassen. Dass man sich mit dem Landrat verständigen muss, wenn man politisch aktiv ist, ist klar. Als überparteiliches Gremium sind wir zur Diplomatie verpflichtet. Wir haben uns als Kreisausländerbeirat aber immer von der AG Wohlfahrt distanziert.

Im November werden die Ausländerbeiräte gewählt. Mit welcher Beteiligung rechnen Sie?
Wir möchten sie auf jeden Fall verbessern. Wir müssen auch schaffen, dass sich mehr Leute zur Wahl stellen.

Mehr als zehn Prozent der Wahlberechtigten sind 2005 in kaum einer Stadt im Kreis zur Urne gegangen. Wodurch fühlen Sie sich eigentlich legitimiert?
Die Legitimation nur an der Wahlbeteiligung festzumachen, halte ich für fatal. Man muss die Funktion sehen, die der Ausländerbeirat hat.

Würden mehr Leute zur Wahl gehen, wenn der Ausländerbeirat mehr Kompetenzen hätte?
Die Kompetenzen als solche sind ausreichend, sie müssen aber auch zum Tragen kommen. Die Bürgermeister und Stadtverordneten müssen auch kooperieren wollen. Wichtig wäre deshalb ein Antragsrecht in den kommunalen Gremien, auch um unsere Arbeit zu politisieren.

Die Ausländerbeiräte setzen sich für das kommunale Wahlrecht für alle Ausländer ein. Werden die Beiräte dann sinnlos?
Ich denke nicht, dass die Ausländerbeiräte jemals überflüssig sein werden. Sie bieten einen sehr einfachen und unbürokratischen Weg, Bedürfnisse und Sorgen vorzubringen. Der Zugang ist wesentlich einfacher als zu Parteien, die Hemmschwelle ist geringer.

Was sind Ihre wichtigsten Pläne ?
Mein Schwerpunkt ist das Schulsystem. Ich möchte den Blick darauf richten, was dort falsch läuft.

Wo hakt es dort für Sie?
Das System ist zu selektiv. Leidtragende sind nicht nur nicht-deutsche Schüler, sondern auch bildungsfremde Deutsche. Bildung ist ein wichtiger Schlüssel für das Zusammenleben von Deutschen und Migranten. Grund für manche Konflikte kann auch die mangelnde Bildung sein.

Interview: Christoph Manus