Demonstranten ziehen zu Quillings Haus

[Frankfurter Neue Presse, 01.03.2010]

Demonstranten ziehen zu Quillings Haus

Neuer Landrat sichert zu, bei der AG Wohlfahrt nach einer anderen Lösung zu suchen

Die Antifa-Anhänger wurden am Isenburger Bahnhof von einem großen Polizeiaufgebot empfangen. Der designierte Landrat nahm die Kundgebung ernst, aber gelassen.

Neu-Isenburg. «Solidarität muss praktisch werden, Feuer und Flamme den Abschiebebehörden», hallte es durch die Isenburger Straßen. Viele Anwohner kamen aus ihren Wohnungen, Autos hielten an, um das Spektakel zu bestaunen – denn das Bild, das sich ihnen bot, hatten die Isenburger so noch nicht gesehen. Zumindest nicht vor ihrer Haustür.

Am Isenburger Bahnhof hatten sich Anhänger der Antifa eingefunden, um «den Amtsantritt von Oliver Quilling (CDU) als Landrat kritisch zu begleiten». Vor allem ging es den Demonstranten um die «AG Wohlfahrt», die der Kreis Offenbach zusammen mit der Polizei betreibt. Diese überprüft unter anderem die Herkunft und die Aufenthaltserlaubnis von im Kreis lebenden Migranten.

Dass es bei Kritik nicht bleiben könnte, befürchtete die Polizei, die doppelt so viele Einsatzkräfte einsetzte, wie Demonstranten erschienen waren. Isenburgs (Noch-) Bürgermeister Oliver Quilling, zu dessen Haus die Demonstranten ziehen wollten, hatte sich gleich am Treffpunkt der Antifa eingefunden. Damit habe er aber nicht verhindern wollen, dass diese sich seinem Haus nähern. «Das ist ja eine öffentliche Straße und es ist auch kein Geheimnis, wo ich wohne. Im Grundgesetz ist das Recht auf freie Meinungsäußerung verankert und das sollten wir auch zulassen», erklärte Quilling.

Gleich zu Beginn wurden alle Demonstranten, fast ausschließlich Jugendliche, von der Polizei eingekreist. Jeder wurde überprüft, die Personalien aufgenommen und die Demonstranten wurden fotografiert und gefilmt. «Es geht doch nichts über eine nette Begrüßung», entgegnete ein Jugendlicher den Polizisten schmunzelnd. Eine ältere Isenburgerin beschwerte sich über diese Behandlung. «Muss das denn sein, dass sogar die Rucksäcke dieser Leute untersucht werden. Das sind doch teilweise noch Kinder. Und es ist doch gut, wenn sie sich sozial engagieren», erklärte sie verärgert. «Engagieren dürfen sie sich ja auch – Straftaten begehen nicht», entgegnete Polizeisprecher Henry Faltin.

Mit der Überprüfung der Demonstranten solle sichergestellt werden, dass diese wirklich nur kritisch ihre Meinung äußern und sich zu keinen Straftaten hinreißen lassen. Bei der Überprüfung wurde auch festgestellt, dass Jugendliche anwesend waren, die im Zusammenhang mit Demonstrationen der Antifa bereits straffällig geworden waren. Zur AG Wohlfahrt erklärte Quilling: «Ich bin kein Barack Obama, der bereits vor seinem Amtsantritt versprochen hat, dass er Guantanamo schließen wird. Ich denke aber, dass wir bei der AG Wohlfahrt zu einer anderen Lösung kommen müssen.» Um seine Worte, die er zunächst nur an ein paar der Demonstranten richtete, zu bekräftigen, ging Quilling kurzerhand mitten in den Pulk und nahm selbst das Megafon zur Hand, durch das kurz zuvor die Demonstranten noch ihre Forderungen kundgetan hatten. Quillings Versprechen, alle Möglichkeiten, die AG anders zu gestalten, mit der Polizei abzusprechen, stieß bei den Antifa-Anhängern jedoch nicht auf Begeisterung. Denn Quilling betonte auch, dass es durchaus Fälle von Sozialhilfe- und Asylmissbrauch geben würde, vor denen kein Landrat die Augen verschließen könne. «Buh»-Rufe und ein Pfeifkonzert waren die Folge. «Was heißt denn überhaupt Asylmissbrauch», schallte es aus den Reihen der Demonstranten, bevor sie loszogen, um sich vor dem Haus des künftigen Landrats zu postieren.

Auf dem Weg dorthin und auch vor dem Haus in der Goethestraße verlief alles friedlich. Mehrere Mannschaftswagen der Polizei hatten die Straßen und den Fußweg um Quillings Haus abgesichert. Als sich die Demonstranten wieder in Bewegung setzten, war Quilling die Erleichterung zwar anzusehen – Angst habe er aber nicht gehabt. «So sicher wie heute war mein Haus noch nie», sagte er schmunzelnd. Auf die Anmerkung, dass die weiße Fassade seines Hauses sich als gute Fläche für Farbbeutel-Attacken böte, sagte Quilling mit einem Augenzwinkern: «Die Fassade muss sowieso mal gestrichen werden.»